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Seniorentheatergruppe Methusalems
aus Freiburg
 

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Seniorentheatergruppe Methusalems

Blick nach Norden vom Zwerisberg am 3.1.2011 auf Oberibental: Kapfenmathis rechts, Kernewiesen oben, Dienschenhof unten
Blick nach Norden vom Zwerisberg am 3.1.2011 auf Oberibental: Kapfenmathis rechts, Kernewiesen oben, Dienschenhof unten

 

Der Floh im Ohr - Schwank von Georges Feydeau (Uraufführung: Paris, 1907)

Methusalems-Premiere: Inflationäre Überfülle
Exzellent gespielt, ausgesprochen turbulent, aber auch absehbar und plakativ: Die Freiburger Methusalems spielen Georges Feydeaus Schwank "Der Floh im Ohr" mit einigen Durchhängern. ....
So hat das Stück zwar alle Zutaten, die eine Boulevard-Komödie so braucht, doch das in geradezu inflationärer Überfülle. Was das Vorpremieren-Publikum im ausverkauften Kleinen Haus des Theaters Freiburgs dann erlebte, war zwar exzellent gespielt und auch ausgesprochen turbulent, aber trotz aller Verwicklungen und Verwechslungen auch so absehbar und plakativ, dass der Spannungsbogen dann doch stellenweise mächtig durchhing. Hier wäre weniger ganz eindeutig mehr gewesen – und das betrifft nicht nur die Länge dieser Posse mit über zwei Stunden.....

Alles von Marion Klötzer vom 3.1.2011 bitte lesen auf
http://www.badische-zeitung.de/theater-2/methusalems-premiere-inflationaere-ueberfuelle--39549271.html

Ein Dorffussballverein muss auch nicht Real Madrid besiegen
der zugereiste herr aus stuttgart muss sehr weit von mir gesessen haben. um mich herum sassen lauter vergnügliche und vergnügte leute. seltsam, was diesen herrn herumtreibt und seine auslassungen kann ich nur als bösartig und humorlos bezeichnen. ich verlange doch auch nicht von meinem dorffussballverein, dass er real madrid besiegt. aber ich verlange von ihm herzblut und einsatz und das haben die tüchtigen leute von den methusalems in erfreulichem masse gezeigt. mein kompliment und allen freiburgern herzlichen glückwunsch zu dieser hervorragenden laientheatertruppe. und dem herrn aus stuttgart empfehle ich ein aufnahmegesuch. er wird dann erleben, wie schwierig theaterspielen ist.
11.1.2011, Blog von herbert leiser

 

Der Hund auf meinem Schreibtisch - Mehrgenerationenprojekt

Kinder und Jugendliche sind bei „Der Hund auf meinem Schreibtisch" gemeinsam mit den methusalems auf der Bühne.

Bild: methusalems

Die Methusalems lassen Enkelgeneration ihre Erinnerungen ans Dritte Reich nachspielen

Ältere Freiburger schreiben ihre Erinnerungen an die Kindheit im Nationalsozialismus auf, Schüler spielen diese auf der Bühne nach und treten in Dialog mit der Großvätergeneration: Dies erwartet den Zuschauer bei Der Hund auf meinem Schreibtisch", der neuesten Produktion der methusalems, die heute abend in Freiburg Premiere hat. Es ist nicht das erste Mal, dass die Seniorentheatergruppe um Helmut Grieser aus den eigenen Erinnerungen ein Stück formt. Das war schon bei ihrem allerersten Stück „Jenseits von Gut und Böse" so. „Schon damals gab es eine Kriegs-Sequenz, hier wollten wir anknüpfen", erzählt Grieser. Alle methusalems, die während des Dritten Reiches bereits alt genug waren, schrieben zuerst ihre Erinnerungen auf. Ingrid Israel, die auch die Dramaturgie von „Der Hund auf meinem Schreibtisch" innehat, formte daraus die Stückvorlage, die von sechs Schauspielern der methusalems gespielt wird. Und von sechs Schülerinnen sowie drei Schülern vom Ursula- und vom Droste-Gymnasium im Alter zwischen zehn und 15 Jahren. „Wir konnten uns ja schlecht selbst als Kinder spielen", meint Helmut Grieser. Die Zusammenarbeit mit der Generation der und Spaß machendes Aufeinandertreffen erwiesen: „Wir waren selbst überrascht, wie leicht das geht", meint Israel. Unter der Regie von Armin Holzer wird „Der Hund auf meinem Schreibtisch" relativ spät einsetzen, in den Jahren 1942/1943, also in einer Zeit in der Tod und Verluste durch die Diktatur bereits eine große Rolle spielten. In einer Schreibtischschublade gesammelte Gegenstände werden Erinnerungen Themenbereiche wie „Die Verstrickung ins dritte Reich" oder „Die Verführung der Jugend durch den Nationalsozialismus" unterteilt sind. Die Geschichten greifen bisweilen Banalitäten auf, hinter denen der Schrecken des Regimes doch erkennbar wird. Etwa wenn sich ein methusalem erinnert, wie neidisch er auf den älteren Bruder wegen dessen Uniform war. Die methusalems, die ihre Erinnerungen aufgeschrieben haben, waren damals der Nazi-Zeit nicht selbst zu Tätern geworden. „Das hat unser Projekt schon einfacher gemacht", meint Helmut Grieser. Auch habe sich der Nationalsozialismus nicht in jeder Familie und jeder Schulklasse gleich bemerkbar gemacht, die Erinnerungen der methusalems würden auch Zeugnis darüber ablegen, dass die Kinder die Zeit oft weniger bedrückend als die Erwachsenen erlebten, weil sie ihr Ausmaß nicht erahnten. Wenn dann aber die Judenverfolgung oder die Bombennächte geschildert werden, ist der Schrecken doch wieder sehr greifbar. Die Kinder werden sich nicht darauf beschränken, die Erinnerungen nachzuspielen, die ihnen die methusalems vorgeben. Sondern immer wieder in die heutige Zeit zurückspringen und mit den methusalems in Dialog treten. So soll einkomplexes Bild über die gesellschaftlichen Einflüsse, denen Kinder während der Nazi-Zeit ausgesetzt werden entstehen, mit denen man nach den Aufführungen am Theater auch gerne in Schulklassen gehen würde.
Otto Schnekenburger, 2.5.2010, www.der-sonntag.de

DER HUND AUF MEINEM SCHREIBTISCH
Mehrgenerationenprojekt der methusalems im Theater Freiburg,
Premiere 2.Mai, 18 Uhr. Weitere Aufführungen am 7. und am 9. Mai, Probebühne I (Eingang Großes Haus), sowie am20. und21.Mai,Werkraum (Eingang über das Theatercafé),
jeweils 18 Uhr. Karteninfos unter 01805/556656(0,14EuroproMinute, mobilmaximal 0,42 Euro pro


 

Der Tod ist auf einen Baum gestiegen

Tankred Dorsts bedrückendes Altenstück „Ich bin nur vorübergehend hier" mit den „methusalems" am Theater Freiburg

Bild: Mischa Kuehmstedt

Schwere Atemstöße sind zu hören. Auf das Fernsehgerät ausgerichtet sitzen die meisten der Alten in Reih und Glied mit dem Rücken zum Publikum und widmen sich einer Wahrsagesendung namens Tele-Spirit. Einer versucht sich an einer Rede, kriegt aber kein Wort heraus. Eine andere wandert ziellos mit Fastfoodkettenkrone auf dem Haupt und gestützt auf einen Stock umher. Manche stehen auf, wechseln ihre Plätze. Jemand verjagt eine Schlafende aus ihrem Stuhl, auf den er die Herumirrende platziert. Die Vertriebene schafft sich auf ihren kaputten Beinen zentimeterweise vorwärts. Ein Kind in rotem Kleid stapft in übergroßen Stiefeln umher, knüllt Zettel und bewirft damit frech die Alten. Die Musik einer Strohgeige (Ildiko Moog-Ban) unterstreicht und zerdehnt diese surreale Atmosphäre. „Ich bin nur vorübergehend hier", heißt das 2007 erschienene Stück des 84- jährigen Büchner- und Max-Frisch-Preisträgers Tankred Dorst (Mitarbeit Ursula Ehler), das unter der Regie von Carsten Fuhrmann mit der Laienspielgruppe die „methusalems" am Freiburger Theater im Kleinen Haus Premiere hatte. Die Zeit ist seinen Figuren zu einem inneren Raum geworden, in dem Vergangenheit und Zukunft in eins fallen.

Ist es so, das Alter? Bleibt mit 83 Jahren wie Herrn Paglia (Hans Martin Marstaller mit schwungvollem Elan) nur noch ein wiederholtes: „I used to be a dancer"? Oder die von Herrn Sonnemann alias Harald Jeske als „Sonny" sarkastisch pointierte Abschiedsrede an die Hinterbliebenen? Der mit Euthanasie drohende Arzt, den Hans-Dieter Helmekemit einer gehörigen Portion morbider Erotik auflädt? Oder der alte Richter (Wim Geerlings sehr eindrücklich in der Rolle eines autoritär- repressiven Charakters), der das schamlose und übermütige Kind (in sich) zugleich liebt und hasst, um endlich wild aber vergeblich ein Tribunal der Verurteilung alles Gewesenen vom Zaun brechen zu wollen? Oder ist es wie bei Frau Lilje Renate Gimmi lebensecht in der Rolle einer Dementen), deren Kindheitserinnerungen von damals, als sie noch nackt herumtollte, sie bei einer unbezahlbar teuren Telefonverbindung mit der in Südafrika wohnenden Freundin in nichts als in stundenlange Weinkrämpfe versetzte? Bleibt das unablässige Aufzählen derer, die schon fort sind, wie es Gisela Strasburger als alte Hedwig prägant in resignativ stoischer Haltung präsentiert? Diese Alten: Wie zufällig sind sie zusammengekommen an einem nicht näher definierten Ort, verklären ihre Vergangenheit, erzählen von Vereinsamung, Vergessen, Verbitterung, Scheitern und sehnen bisweilen den Tod herbei. Doch der ist auf einen Baum gestiegen, erzählt das seltsame Kind im roten Kleid (Wanja Nöthig/Vincent Fach), und nicht mehr heruntergekommen. Seitdem ist niemand mehr gestorben – kein Junger, kein  Alter. Alles dreht sich im Kreis. Fuhrmanns Inszenierung baut auf Komik, Trauer und Boshaftigkeit und scheutt auch vulgäre Ausbrüche nicht. Doch sie kommt nicht spleenig daher, sondern zeigt Menschen, gefangen in einer bedrückenden Endlosschleife, einer sich verengenden Situation (wie auch der Bühnenraum von Alexander Albiker), die sich in der Fast-Bewegungslosigkeit der Frau Schilagi (Anke Lehmann), böse als „Rennschnecke" tituliert , widerspiegelt. Dass es tatsächlich Menschen zwischen 65 und 84 Jahren sind, die da auf der Bühne stehen, ist mehr als ein Glücksfall. Denn die „methusalems" – vor neun Jahren von dem Schauspieler Helmut Grieser ins Leben gerufen – durchdringen schauspielerisch absolut professionalisiert mit ihrer geballten Lebenserfahrung die zum Scheitern verurteilte Utopie vom ewigen Leben, in der nichts revidiert, Ungelebtes nicht nachgeholt werden kann. Frau Mayer-Krüll etwa (Ursula Dierstein) erkennt zu spät den Zauber der Natur. Die Romeo- Aufführungen des Herrn Paglia (Thomas Schelenz) führen zu nichts. Auch nicht die von Ludmilla Müller im Rollstuhl sehr passend entillusionierten An- und Eingriffe der alten Pennerin Alma. Und nicht zu vergessen der Schmerz des „Mannes mit den Ohrenschützern" (Dieter Kottler), der wiederholt seine Frau aus dem brennenden Inferno nach einem Bombenanschlag zu retten versucht  – im Übrigen die einzige Anmerkung, die Tankred Dorts den Jahrgängen, die Millionen Kriegs- und Terrortote miterlebten, gestattet. Immerhin doch: Kottler lässt seinen Vortrag des Orpheus-Klagelieds „Ach, ich habe sie verloren" zur Metapher werden für das große Leid. Alles in allem ein „Alten-Drama mit Ewigkeitsdrohung", wie es Gerhard Stadelmaier von der FAZ so treffend nannte. Aber nicht nur: „Was machen Sie denn Schönes?", wird einmal gefragt. Die Antwort, „Ach, ich bin nur vorübergehend hier", lässt auch die Jüngeren im Publikum das Dilemma erahnen: Man muss lange leben, um zu begreifen, wie kurz die Zeit ist. Fuhrmann und den „methusalems" ist es bravourös gelungen. Heftiger Premierenapplaus.
Mechthild Blum, 29.4.2009, www.badische-zeitung.de

Weitere Aufführungen: 28., 30. April, 6., 17.Mai. Theater Freiburg

 

 

Ich bin nur vorübergehend hier: Ab 26.4. im Kleinen Haus

Wenn ein Kind zum Spiegel wird In einer großen Gruppen unter Gleichaltrigen, aber doch für sich allein: die „methusalems" in „Ich bin nur vorübergehend hier". Foto: PR/Korbel

In „Ich bin nur vorübergehend hier" beschäftigen sich die Methusalems letztlich auch mit sich selbst

Sie bauen keine Häuser mehr: 16 alte Menschen – und ein Kind – treffen in „Ich bin nur vorübergehend hier" von Tankred Dorst in einem als „Niemandsland" bezeichneten Raum zusammen. Bald wird klar, dass es hier um eine Auseinandersetzung mit dem Alter geht. Die „methusalems", die Seniorentheatergruppe des Freiburger Theaters, haben sich jetzt des Stoffs angenommen. Am nächsten Sonntag ist Premiere. Sie stehen gemeinsam auf der Bühne, aber agieren nicht wirklich miteinander. Sie laufen nebeneinanderher, so wie die Gesellschaft, in der sie leben, keinen wirklichen Zusammenhang hat. Und sie haben – jeder für sich – ihr Päckchen aus der eigenen Vergangenheit zutragen. Da ist die Figur, die ein Trauma vom Krieg hat und bestimmte Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Ihn wird Regisseur Carsten Fuhrmann eine Arie aus „Orpheus" singen lassen. Da ist die Figur, die unter dem Verlust der Außenwahrnehmung leidet, sich als 12-jähriges Kind sieht und so auch zum Spiegel für die anderen und ihr Alter wird. Und da ist der Frauenheld, der sich nicht eingestehen kann, dass er nicht mehr der ist, der er einmal war. „Er war bestimmt einmal ein wunderbarer Liebhaber, kann sich aber nicht eingestehen, dass sich die Frauen nicht mehr so sehr für ihn interessieren wie früher", meint Carsten Fuhrmann. Der Dozent an der Musikhochschule hat von „methuselms"- Gründer und Chef Helmut Grieser den Auftrag zur Inszenierung erhalten. „Wir wollten einmal eine andere Sprache und einen anderen Stil für die Gruppe finden." –Strohgeige und Cemballo – Ildiko Moog-Baan an der Strohgeige und Naomi Schmidt am Cemballo werden die Inszenierung begleiten. Es wird eine Bodenplatte und eine Decke, an welche Videos projiziert werden, auf der Bühne des kleinen Hauses geben. Für Fuhrmann und Bühnenbildner Alexander Albiker geht es darum, die alten Menschen aus einem zeitlichen Verlauf herauszunehmen. „Sie bauen keine Häuser mehr,  schauen nicht nach vorne, sondern unsicher nach oben und  unten." Diese Situation des Eingeschlossenseins hat auch schon zu Vergleichen mit Jean Paul  Sartres „Geschlossene Gesellschaft" geführt, die Fuhrmann aber weniger  gerechtfertigt sieht. „In der Hölle sind sie nicht. Was vergleichbar ist, ist die Laborsituation in einem geschlossenen Raum, in der unser Stück auch spielt." Es ist nicht nur, aber auch ein düsteres Stück, weil die Ängste der älteren Herrschaften auf der Bühne oft die Hoffnungen überschatten, räumt Fuhrmann ein. Die Figuren sind beiden „methusalems" mit Menschen besetzt, die ein vergleichbares Alter und damit auch vergleichbare Erfahrungen besitzen, was der Regisseur vor allem für die Schauspieler als große Chance betrachtet. „Die Beschäftigung mit dem Stück hatte in den Proben manchmal auch gruppentherapeutischen Charakter", erzählt er. Wobei die Schauspieler durch die Beschäftigung mit ihren Rollen genau entgegengesetzt wie diese agieren würden: „Sie sind aktiv, lesen Text, entwickeln Sensibilität." Bauen also neue Häuser. „Und sie resignieren daher nicht, sondern bekämpfen ihre Probleme", erläutert Fuhrmann,  der sich durchaus vorstellen kann, dass ältere Menschen im Publikum selbst einen neuen Antrieb erhalten, sich nicht dem Alter zu ergeben.

ICH BIN NUR VORÜBERGEHEND HIER
, Schauspiel von Tankred Dorst mit den „methusalems", Premiere am Sonntag, 26. April, 20 Uhr, Kleines Haus, Theater Freiburg. Weitere Vorstellungen am Dienstag, 28. April, Donnerstag, 30. April, Mittwoch, 6.Mai (jeweils 20 Uhr), und Sonntag, 17.Mai (18 Uhr). Karteninfos unter 01805/ 556656 (0,14 Euro pro Minute).

Carsten Fuhmann hat Ausbildungen in Gesang und Komposition an der Landesmusikschule Magdeburg und der Musikhochschule Leipzig gemacht, war von 1989 bis 1995 Opernchorsänger. Als Regieassistent und Spielleiter arbeitete er zwischen 1996 und 2004 in Berlin, Bern, München und auch am Freiburger Theater, wo erwährend der Intendanz von Hans J. Ammann unter anderem „The Turn of the Screw" inszenierte. Nach einer Ausbildung in Mediendesign bei Macromedia in München ist er mittlerweile Lehrbeauftragter für Szenischen Unterricht am Institut für Musiktheater der Musikhochschule Freiburg und freier Regisseur.

Otto Schnekenburger, 19.4.2009, www.der-sonntag.de

 

 

Wo nur über 65-Jährige eine Chance haben: Freiburger Seniorentheatergruppe

Da ist er, der Hänger. Hans-Dieter Helmeke stockt und verzieht das Gesicht. Kämpft mit sich. Die Souffleuse springt ein. Und es geht weiter im Text. Die Mitglieder der Schauspielgruppe "methusalems" , die am Tisch versammelt sind, atmen auf. Wie oft haben sie "Arsen und Spitzhäubchen" , dieses Stück voll irrsinniger, mordlüsterner, älterer Herrschaften jetzt schon gespielt? 28-Mal. Acht Monate lang haben sie geübt, manchmal sogar täglich: Auftritte, Abgänge, Dialoge, die Mimik und den Körperausdruck; sind in die Kostüme geschlüpft, haben Lichtproben absolviert. Eigentlich sind sie Routiniers: Doch immer wieder sind sie da, das Lampenfieber und die Anstrengung. Wasser, Eukalyptusbonbons, Taschentücher — alles steht bereit. Jetzt ist äußerste Konzentration gefragt im Probenraum des Freiburger Stadttheaters. Heute werden nur noch einmal die Rollen wiederholt. Hans-Dieter Helmeke, 73 Jahre alt, spielt den Massenmörder Jonathan, der seine nicht minder morderfahrenen Tanten Abby und Martha heimsucht. Dabei sieht Helmeke, wenn er nicht gerade auf der Bühne steht, so gar nicht erschreckend aus. Im Gegenteil. Mittelgroß, schlank, mit vollem dunkelblondem Haar und gepflegter Haut, ist er ein ruhiger und freundlicher Mensch, gewohnt, seine Umgebung mit dem milden Auge des Unparteiischen zu erfassen. Doch heute Abend ist sein Blick bohrend, sein Tonfall irritierend beängstigend, seine Bewegungen sind bedrohlich. Er wird zum gefährlichen Mörder. Eine Traumrolle ist das für den früheren braven Richter, in der er mal, wie er verschmitzt gesteht, so richtig den inneren Bösewicht herauslassen kann.
Auch Renate Gimmi (76) ist alles andere als die tüttelige Abby, die sie in dem Stück von Joseph Kesselring spielt. Die anthroposophische Ärztin mit dem kraftvoll grau-weißen Haarschopf und dem frischen Gesicht lacht: "Andere in meinem Alter absolvieren mühsam ein Gedächtnistraining." Sie dagegen bestreitet mühelos eine Aufführung, in der sie gut zwei Stunden pausenlos präsent sein muss. Überhaupt: Altersbeschwerden, wie eine schmerzende Hüfte, haben sich mit dem Theaterspielen für sie erledigt. Die Treppen auf der Bühne nimmt sie mit jugendlichem Schwung. Ihre Schauspielleidenschaft hat noch einige andere Veränderungen mit sich gebracht. Sie ist aus dem Neun-Zimmer-Haus in einem noblen Freiburger Wohnviertel in eine Drei-Zimmer-Wohnung in der Innenstadt umgezogen: "Ich wollte einfach näher am Theater sein. Meinen Kindern habe ich gesagt: Wenn ich damit klarkomme, dann klappt auch alles andere." Und für "Arsen und Spitzenhäubchen" hat sie sogar ihren Brotberuf zwei Jahre früher als geplant an den Nagel gehängt. Jetzt geht sie gänzlich auf in der Rolle der altjüngferlich-mörderischen Abby — für sie ist es, "man darf es ja fast nicht sagen, der Höhepunkt meines Lebens". Abitur, Jurastudium, Familie, Richter und Beamter auf Lebenszeit. Mit 65 in Pension. Medizinstudium, Ärztin, fünffache Mutter. Und dann die Rente. Das waren mehr oder weniger geordnete Lebenläufe mit ihren Höhen und Tiefen. Und dann? Geruhsames Spazierengehen am Dreisamufer, verplauderte Kaffeekränzchen am kerzengedeckten Tisch, erinnerungsseliges Fotoalben-Sortieren? Das kann doch nicht alles gewesen sein. Einige haben noch Träume, die sie schon lange begleiten.
Hans-Dieter Helmeke war vor seinem Jurastudium bei einer Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule durchgefallen. Auch Renate Gimmi wollte schon von Jugend an schauspielen. Aber wie das so ist mit Träumen — sie scheitern oft an der Realität. An den Eltern zum Beispiel. "Lern du erst mal einen richtigen Beruf" , heißt es. "Danach können wir weitersehen." So wendet sich der Blick, das Leben nimmt eine andere Wendung. Nicht einmal eine unglückliche muss es sein. Doch die Kindheitsträume lebten fort. Und mit einem Mal war sie da, die große Chance. Endlich! Zu einer Zeit, als sie die Träume fast schon begraben hatten. Eine Zeitungsanzeige im Jahr 2000 elektrisierte sie. Senioren gesucht zur Gründung einer Bühnentruppe. Mindestalter: 65 Jahre. Die Anzeige krempelte ihr Leben um.
Helmut Grieser, der Mann, der niemals ohne Schal um den Hals gesehen wird, war damals noch festangestellter Schauspieler am Freiburger Theater. Er erzählt von damals, als er die Anzeige aufgegeben hat. "Eines Morgens stand ich vorm Spiegel und dachte, bald bist du 60 und alt. Aber was ist das, das Alter?" Und er wollte es wissen: "Zu welchen Leistungen sind ältere Menschen fähig, wenn man sie nicht mit Zerstreuung beruhigt, sondern mit professioneller Bühnenarbeit aufregt?" Denn eins war für ihn klar: "Ich mache kein Liebhabertheater." Die Probe aufs Exempel, die er mit den "methusalems" vor acht Jahren begonnen hat, fällt mehr als vielversprechend aus. Unter seiner Leitung erarbeiteten sie die Stücke "Jenseits von gut und böse" und "Methusalems reisen" . Sie spielten kleinere Rollen in den Inszenierungen von Sartres "Die Fliegen" und Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" neben den Schauspielern der Städtischen Bühnen. Seit 2007 sind sie mit dem Boulevard-Klassiker "Arsen und Spitzenhäubchen" , zusammen mit dem Jugendclub des Theaters, zu sehen.
Auch Hans-Dieter Helmekes langjähriger Freund Harald Jeske, früher Staatsanwalt, der in "Arsen und Spitzenhäubchen" seinen Komplizen Dr. Einstein gibt, war seinerzeit auf die Anzeige hin zum "Casting" erschienen. Klammheimlich hatten sich beide damals beäugt: Wenn der genommen wird und nicht ich, was dann? Doch schnell einigten sie sich auf ein selbstloses: Wäre nur einer von uns genommen worden, wir hätten beide verzichtet. Die Freundschaft jedenfalls hat nicht gelitten. Auch zwischen den anderen "methusalems" sind feste Bindungen entstanden, die sie im persönlichen Leben tragen — und auf die Bühne zurückwirken. So konnten auch die Darstellerinnen Renate Gimmi/Gisela Strasburger und Ludmilla Müller/Gerburg Rüsing die Doppelbesetzung der mordlustigen Damen Abby und Martha in "Arsen und Spitzenhäubchen" gut und fair lösen. Sie und die anderen Mitglieder der Schauspieltruppe treffen sich mit Helmut Grieser jede Woche zu Proben, am Stammtisch und zum Bewegungstraining. Meister nennen sie ihn. Allenfalls die Geschmeidigkeitsübungen einer Katze, die Tänzerin Emma-Louise Jordan ihren Kursteilnehmern beim Bewegungstraining abverlangt, setzen dem "Meister" gewisse Grenzen. Bei einem neuerlichen Casting war zu spüren, wie die Begeisterung dieses "Altersforschers" die Körper der Spieler beflügelt. Es war zu spüren, wie er die Figuren formt, die sie für sich entworfen hatten. Und wie sein Ehrgeiz sich fortsetzt beim Üben kleiner Lebensabschnittsdialoge aus der Feder seiner Frau Ingrid Israel. Harald Jeskes Augen glänzen, wenn er von den "methusalems" spricht: "Attraktivität und Begehren" seien das Licht dahinter, wie er gerne zugibt. Denn für ihn hat sich die Leere nach der Pensionierung verflüchtigt, seit er auf der Bühne steht. Thomas Schelenz, Sohn eines Freiburger Bildhauers, früher technischer Leiter am Kiepenheuer-Institut für Sonnenphysik und mit 67 einer der Jüngsten der Truppe, glüht vor Freude: "Ich habe mich mit der Frage herumgeschlagen, was ich in meinem Leben anders machen würde, könnte ich es noch einmal von vorne beginnen. Die Antwort habe ich hier gefunden." Für die Altphilologin Gisela Strasburger ist das Theaterspielen eine "enorme Bereicherung" und auch die 96-jährige Betty Hauger möchte es nicht mehr missen. Für sie und alle anderen "methusalems" wurde die Schauspielerei zum Aufbruch in ein neues Leben. Ihre Familien, deren Feste und Urlaube richten sich jetzt nach den Auftrittsterminen. Krank zu werden können sie sich eigentlich nicht mehr leisten. Ausgesprochen anstrengend ist das Leben im Ruhestand geworden — und das macht sie glücklich.
Seniorentheater — ein Therapeutikum? Ganz gewiss. Der Bundesarbeitskreis Seniorentheater schreibt: "Die künstlerische Tätigkeit fördert die innerliche Beweglichkeit und kann zu einer versöhnlichen Lebensbilanz beitragen. Durch die Beschäftigung mit existentiellen Fragen, wie etwa nach Leben und Tod und dem begleitenden Prozess des Sicherinnerns entstehen individuelle Bilder und Emotionen. Theater bietet den Ort, an dem man diese Gefühle in einen erlebbaren und sichtbaren Ausdruck bringen kann. Es geht darum, dem reichen Schatz an Erfahrungen eine Form zu geben und sie zu verwandeln, statt innerlich zu erstarren." So ist es nicht verwunderlich, dass sich die Senioren ihre Stücke gern selbst erarbeiten. Entlang der eigenen Lebenserfahrung.

Und wie sagte die französische Schriftstellerin, Philosophin und Feministin Simone de Beauvoir: Auch im Alter muss man weiter ein Ziel verfolgen, das dem Leben einen Sinn gibt, damit es nicht zur Karikatur wird. So ist die Senioren-Avantgarde dabei, sich — fernab vom Regietheater, doch mit ambitioniertem Anspruch an Professionalität — zu einer Formation zu entwickeln, die von den Theatern ernst genommen wird, wie die Freiburger Intendantin Barbara Mundel bestätigt. "Arsen und Spitzenhäubchen" lief am Stadttheater schon 28-mal vor ausverkauftem Haus. Die Karlsruher Gruppe BaSta spielte in dieser Saison Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" bereits 35-mal. Und immer sind alle Plätze des Badischen Staatstheaters besetzt. Sie gehört ebenso zu jenen, die sich — unter der Regie des Theaterpädagogen Jochen Wietershofer — an den Profis orientiert. Und das Generationentheater Zeitsprung am Landestheater Tübingen könnte sich mit seiner Inszenierung "Kontakt-Schleifen" , wie sie in Freiburg unter der Regie von Helga Kröplin zu sehen war, durchaus in regulären Spielplänen einen Platz erobern.

Überhaupt: Seniorentheater, das, wie Mundel sagt, die gesellschaftliche Teilhabe der Alten "möglich und sichtbar machen soll" , kann Leute in den Zuschauerraum holen, die ihm sonst fern blieben. Und nicht nur älteres Publikum, sondern auch jüngeres. Es mindert die Schwellenangst. Ganz wie das Volks- und Mundarttheater, aus dem es sich zum Teil entwickelt hat. Wer dort hingeht, fürchtet keine "wilde" Regie. Er fühlt sich nicht durch Bildungserwartungen belastet oder durch Forderungen an eine kritisch-reflektierte Analyse des Stücks. Und kann dann doch ganz angenehm berührt sein, wenn er nicht vor Hobbyspielern sitzt, die ihn mit einem Schwank amüsieren wollen. Sondern vor professionalisierten Amateuren à la "methusalems" , die ihn zum Beispiel mit einem Drama zum Nachdenken anregen.

Was ambitionierte Schauspieler über 65 sonst noch auf die Bühne bringen, kann im Herbst, vom 2. bis 5. Oktober, besichtigt werden. "Herzrasen" heißt das nächste Seniorenfestival, eine Kooperation des Hamburger Schauspielhauses mit der Körber-Stiftung, das unter dem gleichen Titel zum ersten Mal 2006 stattfand. Klaus Wehmeier, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Stiftung, erklärte damals die Grundidee des Festivals so: "Herzrasen ist ein Höhepunkt unserer Bestrebungen, in dieser Altersgruppe Kreativität, geistige und körperliche Beweglichkeit sowie das kontinuierliche Zusammenspiel im Team zu fördern. Das Festival eröffnet die Möglichkeit, mit anderen Gruppen in den Dialog zu treten und voneinander zu lernen. Unsere Erfahrungen werden zeigen, ob es sich lohnt, daraus eine feste Einrichtung zu entwickeln." Zwei Jahre später ist diese Frage längst beantwortet — Seniorentheater sind ein fester Bestandtteil des Kulturlebens. Mit einem kleinen Wermutstropfen allerdings im Spiel der jungen Alten, die so enthusiastisch in eine etwas andere Pubertät aufbrechen. Denn wie sagt doch die alte Frau in dem Stück "Kontakt-Schleifen" ? "Wie schnell die Zeit vergeht, man kann gar nicht langsam genug sein"
Mechthild Blum, 17.5.2008, www.badische-zeitung.de .

© by freiburg-schwarzwald.de, Update 16.02.11